Wir sind in der Zeit des Hochsommers – Zeit der Hitze und Wärme, des Lichts, aber auch des Schattens: zwischen Fussball-WM und tiefem Erschrecken über die heftigen Erdbeben in Venezuela – mit der Hoffnung, dass Gott Licht und Schatten mitträgt.
Darüber hören und beten wir heute in Text und Musik.
So sammeln wir uns:
im Namen Gottes, der uns wie ein Vater und eine Mutter in Liebe umfängt,
im Namen Jesu Christi, dem Herrn und Bruder, der uns im Leiden trägt und hilft,
und im Namen der Heiligen Geistkraft, die uns verbindet zwischen Himmel und Erde.
Amen.
Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
In allem, was in dieser Welt und in unserem Leben geschieht und sich wandelt: Gott bleibt, unser Gebet bleibt.
Ich zünde eine Kerze an, für das Gedenken, für den Frieden, für die Hoffnung:

(Wochenspruch-Bild Galater 6,2)
„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Vom Lasten und Leid tragen und Christus mittendrin handelt unser Wochenspruch.
Im nördlichen Venezuela haben sich am 24. Juni 2026 Ortszeit 18.04 Uhr im Abstand von nur 39 Sekunden gleich zwei starke Erdbeben ereignet (Stärken von 7,2 und 7,5).
Unendliches Leid erleben Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Regionen in diesem verarmten Land, mehrere tausend Tote sind zu betrauern.
Wir gehen eine Zeitblende und Zeitenwende zurück:
Lissabon, 1. November 1755: um 9.40 Uhr Ortszeit erschüttert ein gigantischer Erdstoß die Metropole. Kurz darauf folgt ein weiteres Beben. Paläste, Brücken, Häuser und vollbesetzte Kirchen stürzen in sich zusammen. Viele Menschen, die an diesem Allerheiligentag den Gottesdienst besuchten, werden verschüttet.
Eine dritte Erschütterung kam vom Meer her. Lissabon wird von hohen Tsunamiwellen überrollt. Man nimmt an, dass 60.000 der etwa 250.000 Einwohner ihr Leben verlieren.
„Was zu tun ist? Begrabt die Toten und sorgt für die Lebenden!“ Die Worte des damaligen 1. Ministers Portugals Marquês de Pombal gelten auch heute.
Aufgewühlte Priester deuteten damals das Beben als Strafe Gottes und sie beschwörten das nahe Ende der Welt. Das ganze christliche und gerade aufgeklärte Europa ist in den Grundfesten seines Denkens und seines Glaubens erschüttert.
Goethe hält in seinen Erinnerungen fest: „Gott, der Schöpfer und Erhalter des Himmels und der Erden, den die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er Gerechte mit Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen“.
Seitdem und bis heute auch in Venezuela und anderen Ländern der Erde mit leidvoller Gegenwart kommt immer wieder die Frage: wo ist Gott? Kann er das nicht hindern, aufhalten?
Musik: „Wenn es einen Gott gibt“ · Johannes Oerding
Wenn es einen Gott gibt, der macht das alles wieder gut wird,
Wenn es einen Gott gibt,
warum kommt er nicht dann einfach runter,
und macht das alles gut wird,
Das alles wieder gut wird,
Wenn es einen Gott gibt
https://www.youtube.com/watch?v=Q1MEUfwKjOA
„Einer trage des andern Last“: so heisst der Bibel-Spruch für unsere Woche.
Eine Woche mit Licht und Schatten, mit Jubel und fruchtbarem Leid.
Ich kann die Frage verstehen, die viele stellen: wo bist Du, Gott, in all dem Leid. Diese Fragen stellten sich auch grosse Philosophen wie Immanuel Kant, der dazu folgende Worte schrieb:
„Der Mensch ist nicht geboren, um auf der irdischen Schaubühne der Eitelkeit ewige Hütten zu erbauen. Alle diese Verheerungen scheinen uns zu erinnern, dass die Güter der Erde unserem Trieb zur Glückseligkeit keine Genugtuung verschaffen können. (Die Betrachtung solcher schrecklichen Zufälle ist lehrreich. Sie demütigt den Menschen dadurch, dass sie ihn sehen lässt. Er habe kein Recht, von den Naturgesetzen, die Gott angeordnet hat, lauter bequemliche Folgen zu erwarten.)“
Diese Fragen stellten auch schon die Psalm-Betenden in der hebräischen Bibel vor mehr als 3000 Jahren. Martin Luther übersetzte aus Psalm 68 den Vers 20: „Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.“ Ist es aber wirklich Gott, der uns Lasten auflegt?
Luther irrte hier, denn richtiger übersetzt heisst es:
„Gepriesen sei der Herr, Tag für Tag! Gott trägt uns, er ist auch unsere Rettung.“ (revidierte Einheitsübersetzung 2017).
Und damit könnten wir es auch moderner verstehen, und glauben:
Gott nimmt uns nicht unsere Lasten ab, sondern gibt uns Kraft zum Tragen.
Der Satz geht auf den österreichischen Dichter Franz Grillparzer zurück: „Gott nimmt nicht die Lasten, sondern stärkt die Schultern.“
Und so können, so sollen wir auch einander Lasten tragen, so wie Gott uns in allem trägt, dennoch.
Musik: „Hebe deine Augen auf“ aus Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy
https://www.youtube.com/watch?v=Gd4T11VNcxM&list=RDGd4T11VNcxM&start_radio=1
Fürbittengebet:
Herr Jesus Christus,
du rufst alle zu dir,
die schwere Lasten tragen.
Du versprichst, unserer Seele Ruhe zu schenken.
So kommen wir zu dir
und vertrauen dir an, was uns beschwert.
Wir bitten dich für alle, die nicht schlafen können,
weil jede Nacht Raketen fliegen und Bomben fallen;
weil sie überlastet sind;
weil das Geld nicht reicht;
weil ihre Liebe zerbricht;
weil sie Angst haben um ihre Kinder;
Weil so viele Opfer der Erdbeben zu beklagen sind
Weil die Hitze quält,
weil das Gedankenkarussell nie aufhört.

Bild: Christus trägt (Fresko in der Calixtus-Katakombe, Rom)
Wir bitten dich:
Schenke allen unruhigen Seelen deine verheißene Ruhe.
Lass Friede werden wo Krieg und Gewalt regieren und in unserem persönlichen Leben.
Lass unser Herz Frieden finden in dir,
auch wenn die Welt noch voller Unfrieden ist.
Wir bitten dich für alle, die einsam bleiben;
weil sie keinen haben, für den sie den Tisch decken können,
und neben denen niemand sitzen möchte.
Wir bitten dich für alle, die deinen Ruf ausrichten.
Für deine Kirche und Gemeinde in der ganzen Welt;
für alle, die deine Liebe bezeugen in Wort und Tat,
für alle, die Verantwortung tragen.
Wir bitten dich:
Erfülle uns mit deinem Geist.
Bewahre vor Verzagtheit und Überforderung.
Erfülle uns von neuem mit der Freude des Glaubens,
der Kraft der Hoffnung und dem Feuer der Liebe.
Du bist unser Alles: unser Licht, unser Leben, unser Heil;
unsere Speise, unser Trank, unser Gott.
Mit noch vielen anderen Bitten in unseren Herzen sprechen wir nun das eine Gebet Jesu:
Vaterunser im Himmel…
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.
VERABSCHIEDUNG
Herzliche Einladung:
zur Bach-Kantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ BWV 93 in der Augustinerkirche Zürich
-am Samstag, den 4. Juli als Matinee mit theologischer Einführung um 12.15 Uhr und
– am Sonntag, 5. Juli, 10 Uhr im Abendmahls-Gottesdienst mit anschl. Kaffee.
Theologische Einführung und Predigt Pfarrer Thomas Risel, Musik Bach-Collegium Zürich, Liturgie Pfarrer Lars Simpson von der Augustinerkirche.
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Wir danken allen, die mit unterwegs sind in Gebet und Gemeinschaft, in über 400 Ausgaben Luther-Gebet, wir wünschen noch eine gesegnete und etwas angenehmere Sommerzeit.
Bleiben wir zuversichtlich. Denn Gott ist da.
Herzliche Grüsse nach nah und fern!
Pfarrer Thomas Risel mit Pfarrerin Marion Werner
SEGEN
„Welcher seine Zuversicht auf Gott setzt den verlässt er nicht:“
So segne, behüte und erwarte uns, Dich
der, Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.
Musik: aus der Bach-Kantate BWV 93 „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, zu hören nächstes Wochenende in der Augustinerkirche Zürich.
No. 1 Chor. „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ · Philippe Herreweghe · Collegium Vocale Gent
https://www.youtube.com/watch?v=jner902XqBM&list=RDjner902XqBM&start_radio=1