Herzlich willkommen zum 417. Luther-Abendgebet am Mittwoch, 22. Juli 2026
Wir sind im Hochsommer – Zeit der Wärme, des Lichts, aber auch des Schattens: zwischen Ferien, Entspannung, Ruhe, und zugleich Erschrecken über die schrecklichen Kriegswirren in Iran, Israel, Ukraine – mit der Hoffnung, dass Gott Licht und Schatten mitträgt.
Heute möchte ich mit euch eine kleine Serie starten, bis Ende August vier Andachten über eines der schönen und zugleich auch umstrittenen Themen der christlichen Kirchen: das Glockenläuten. In Geschichte und Geschichten, in Erlebnissen und Bedeutung.
Darüber hören und beten wir heute in Texten und Musik.
So sammeln wir uns:
im Namen Gottes, der uns wie ein Vater und eine Mutter in Liebe umfängt,
im Namen Jesu Christi, dem Herrn und Bruder, der uns im Leiden trägt und hilft,
und im Namen der Heiligen Geistkraft, die uns verbindet zwischen Himmel und Erde.
Amen.
Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
In allem, was in dieser Welt und in unserem Leben geschieht und sich wandelt: Gott bleibt, unser Gebet bleibt.
Ich zünde eine Kerze an, für den Frieden, für die Hoffnung:

(aus Psalm 98-Bild
„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“
Glocken sind (gemeinsam mit der Orgel) das klangreichste Musikinstrument. Glocken künden seit fast 5000 Jahren von der Sehnsucht der Menschen nach Göttlichem, ihr Klang wird Symbol der Stimme vom Himmel.
Womit beginnen wir, wenn wir von Glocken sprechen: Glocken in Kirchen – sie läuten in Deutschland seit 1400 Jahren.
Wie kein anderer, hat Friedrich Schiller den Glocken ein Denkmal gesetzt. Sein „Lied von der Glocke“ von 1799 erzählt das Werden der Glocke vom Beginn des Giessens bis zur Vollendung.
Musik: Tubular Bells · Mike Oldfield
„Tubular Bells“ (=Rohrförmige Glocken) ist das Debütalbum des englischen Musikers Mike Oldfield und erschien am 25. Mai 1973 als sein erstes Album. Es besteht aus zwei überwiegend instrumentalen Stücken. Oldfield, der zum Zeitpunkt der Aufnahmen 19 Jahre alt war, spielte fast alle Instrumente selbst.
https://www.youtube.com/watch?v=5kBfXAWyEzo
„Fest gemauert in der Erden, steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muss die Glocke werden, Frisch, Gesellen! Seid zur Hand.
Von der Stirne heiss / Rinnen muss der Schweiss, /
Soll das Werk den Meister loben, / Doch der Segen kommt von oben.“
|
Wir beginnen also mit dem „Glocken giessen“, wie es heisst, wenn Glocken hergestellt werden. Ich sehe sie vor mir, die Generationen von Schülerinnen und Schülern, die dieses Lied/Gedicht mehr oder weniger mühsam auswendig gelernt haben und aufsagen mussten. Doch wie viel Mühe hat der Meister, der eine solche Glocke giesst. Seit Schillers Zeiten hat sich nicht viel bei der Glockenherstellung geändert. Da steht die Form in der Erde, der Kern aus Ziegeln gemauert. Aus Glockenbronze, der Glockenspeise wird sie gegossen. Mit über 1000°C läuft sie in die Form hinein. Grosse Flammen schlagen heraus. Schweiss fliesst in Mengen. Um die 4 Wochen lang, je nach Grösse, kühlt sie nun ab. Die Form wird ausgegraben, und dann der erste Glockenschlag: Jetzt stellt sich heraus, ob die Glocke gelungen ist und den gewünschten Ton anschlägt. Ja, Glocken werden nach Tönen gegossen und gestimmt. Und auch der Segen von oben wird bei jedem Arbeitsgang erbeten mit Gebet und Gesang. Eine Verzierung oder Inschrift trägt jede Glocke. Ein Bibelwort, ein Name, ein Zeichen. |
|
|
In Schillers Gedicht von der Glocke heisst es kurz und prägnant:
„Lebende rufe ich, Tote beklage ich, Blitze breche ich“.
Und das ist noch heute so:
Glocken läuten eine Taufe ein und künden vom Tod eines Menschen.

Bild: Glocke Klostergarten Schaffhausen
Eine markante Glocke begegnete uns beim Sommerausflug letztes Jahr in Schaffhausen. Im Klostergarten ist sie dort aufgestellt. Die 4,5 Tonnen schwere „Schillerglocke“ wurde 1486 gegossen und läutete bis 1895 als grösste Glocke des Münsters zu Allerheiligen.
Ihre Inschrift inspirierte Friedrich Schiller zu seinem Lied von der Glocke.
vivos voco • mortuos plango • fulgura frango
Lebende rufe ich • Tote beweine ich • Blitze breche ich
Glocken erinnern uns also auch, dass wir zu allen Zeiten darum beten müssen, dass Kriege beendet und Friedenszeiten geschaffen werden müssen. Denn:
„Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute“, so schliesst Schiller sein berühmtes Gedicht.
Musik: Bob Dylan/Joan Osborne: Chimes of freedom, Textauszug:
Für die Sanften, für die Lieben läutet es,
Für die Wächter und Beschützer des Geistes,
Und für den Dichter und den Maler weit hinter seiner rechten Zeit,
Und wir sahen auf die aufblitzenden Glocken der Freiheit/Chimes of freedom.
https://www.youtube.com/watch?v=huuD5AO3cSg
Gebet (nach „Chimes of freedom/Bob Dylan)
Guter Gott,
wir danken dir für die Musik, gute Worte, Gebet,
alle Verbindungen zu Dir und von Dir zu uns.
Wir beten für die, für die Glocken der Freiheit erklingen:
Für die Krieger, deren Stärke nicht im Kampf liegt,
für die Flüchtlinge auf der unbewaffneten Flucht,
Und für jeden einzelnen Soldaten in der Nacht,
Für die Unglücklichen, den Ausgestoßenen,
Für die Sanften, für die Lieben läutet es,
Für die Wächter und Beschützer des Geistes,
Und für den Dichter und den Maler,
mögen läuten die Glocken der Freiheit.

Bild: Liberty Bell (Freiheitsglocke) ist der Name der Glocke, die geläutet wurde, als die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia am 8. Juli 1776 zum ersten Mal auf dem Independence Square (Unabhängigkeitsplatz) in der Öffentlichkeit verlesen wurde.
Für die Entkleideten, Gesichtslosen
Für die Zungen, die keinen Ort haben, um ihre Gedanken zu bringen,
Für die Tauben und Blinden, für die Stummen,
Für die misshandelte, heimatlose Mutter,
Für die Suchenden auf ihrem wortlosen Suchpfad,
Für die einsamen Herzensliebhaber,
Und für jede harmlose, sanfte Seele, die im Gefängnis fehl am Platz ist,
mögen läuten die Glocken der Freiheit.
Für die Schmerzenden, deren Wunden nicht gepflegt werden können,
Für die zahllosen Verwirrten und für jede hängengebliebene Person im ganzen Universum,
die aufblitzenden Glocken der Freiheit.
Gott er höre uns und schenke offene Herzen, damit sichtbar wird, was Frieden stiftet. Amen.
Mit noch vielen anderen Bitten in unseren Herzen sprechen wir nun das eine Gebet Jesu:
Vaterunser im Himmel…
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.
VERABSCHIEDUNG
Herzliche Einladung:
– am Sonntag, 26. Juli, 10 Uhr zum Predigt-Gottesdienst in der Martin-Luther-Kirche Zürich mit Prädikant Andreas Müller-Crepon, Organist Mikael Petterson und anschl. Kirchenkaffee.
————————————————————————————-
Wir danken allen, die mit unterwegs sind in Gebet und Gemeinschaft, in über 400 Ausgaben Luther-Gebet, wir wünschen gesegnete Sommertage.
Bleiben wir zuversichtlich. Denn Gott ist da.
Herzliche Grüsse nach nah und fern!
Pfarrer Thomas Risel mit Pfarrerin Marion Werner
SEGEN
Gott des Himmels und der Erde,
dich preist deine Schöpfung durch Gesang, Musik und Glockenklang.
Im Himmel und auf der Erde erschallt dein Lob.
Segne überall die Glocken, die dein Lob verkünden. Sie sollen deine Gemeinde rufen,
die Mutlosen aufrichten, die Trauernden trösten,
die Glücklichen erfreuen und die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg begleiten.
Segne alle, zu denen der Ruf dieser Glocken erklingt,
und führe uns so von überallher zusammen in deinem Reich.
So segne uns und dich Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.
Musik: Joseph Haydn: Sinfonie No. 93 in D-Dur, Hob. I:93: II. Largo cantabile
(„Glocken“-Sinfonie) Berliner Philharmoniker · Herbert von Karajan. (6:11min.)
https://www.youtube.com/watch?v=zV554VL4_9E
Bilder: EKHN, wikipedia, privat